Aus meinem Freiwilligen-Engagement: Vorurteile, Offenheit und Integration

Letzte Woche durfte ich mit einer Gruppe Studenten vom Verein „Beyond Borders“ im Rahmen ihres Uni-Seminars „Unlock Society“ über Diskriminierung, Offenheit und Integration sprechen. Zur Vorbereitung habe ich mich mit diesen Themen theoretisch auseinandergesetzt und daraus ist dieser Blogartikel entstanden.

1. Was ist ein Vorurteil?

Ein Vorurteil ist eine Vereinfachung. Bei 4 Mrd. Sinneseindrücken in der Sekunde, von denen unser Verstand bewusst nur 7 bis 8 verarbeiten kann, brauchen und nutzen wir schnelle, automatisierte Entscheidungswege.

Unbekanntes wird von uns erst einmal als potentiell gefährlich eingestuft. Dafür ist unser ältestes Hirnteil, das Reptiliengehirn zuständig. Dieser Gehirnteil, der bei allen Säugetieren ähnlich aussieht und bei Reptilien fast das gesamte Gehirn ausmacht, unterscheidet nicht zwischen realer und möglicher Gefahr. Er hatte eine wichtige Funktion für unser Überleben, denn wenn wir jedem Säbelzahntiger freundlich begegnet wären, wären wir bestimmt schon ausgestorben.

Heute gibt es keine Säbelzahntiger mehr. Wir sehen uns trotzdem immer wieder unbekannten Situationen gegenüber, die wir automatisch mit Skepsis betrachten.

Hier einige Beispiele für Vorurteile, die mir in den letzten Wochen über den Weg gelaufen sind:

  1. Eine Freundin hat kürzlich einen neuen Vorgesetzten eingearbeitet. Als sie ihn zum ersten Mal traf und seinen osteuropäischen Akzent hörte, lief zu ihrem Entsetzen ein merkwürdiger Film bei ihr ab. Es kamen einige Vorurteile hoch, auf die sie nicht stolz und denen sie sich bisher nicht bewusst war.

Da sie daraufhin ihre höher entwickelten Gehirnteile benutzt hat, konnte sie ihre Vorurteile als solche identifizieren und sie über Bord werfen. Das wird ihr bestimmt nicht wieder passieren.

  1. Ich wollte einer dunkelhäutigen Passantin anbieten ihr zu helfen ihren Kinderwagen die Treppen runter zur U-Bahn zu tragen. Mein erster Impuls war, sie auf Englisch zu anzusprechen. Da meine höheren Gehirnregionen gerade ausnahmsweise auf Zack waren, habe ich diesen Automatismus unterdrückt und auf Deutsch gefragt. Meine Hilfe wurde dankbar angenommen, in fließendem Deutsch übrigens. Ich hatte also immer noch das Vorurteil, dass fremd aussehende Menschen unserer Sprache nicht mächtig sind! Dabei bin ich selbst so froh, wenn ich mein Isländisch an Einheimischen ausprobieren kann.

Diese Beispiele zeigen, dass wir alle Vorurteile haben. Wir haben aber auch alle höhere Gehirnregionen, mit denen wir unsere Automatismen überprüfen können. Zuerst müssen wir uns unserer Vorurteile bewusst werden, erst dann können wir sie abschaffen.

2. Was ist Diskriminierung?

Diskriminierung kommt aus dem Lateinischen und bedeutet trennen und unterscheiden. Wir verstehen diskriminieren heute eher als herabsetzen und herabwürdigen. Diskriminierung gab es schon immer. Wer anders ist wird und wurde immer schon mit Argwohn betrachtet.

Diskriminierung in den 60ern

Mein Schwiegervater ist Indonesier. Er lernte meine Schwiegermutter Anfang der 1960er Jahre kennen als er seine Doktorarbeit in Holzchemie an der Bundesforschungsanstalt in Bergedorf schrieb.

Meine Schwiegermutter berichtete, dass sie von Menschen, die in ihren Kinderwagen schauten und dort ein braunes Baby sahen, ausgeschimpft und angespuckt wurde. Das würde heutzutage, hoffe ich, nicht mehr passieren.

Diskriminierung heute

Vor ein paar Wochen war auf Facebook ein Post viral: Ein Schwarzer steht im Flughafen irgendwo in den USA am Schalter für die 1. Klasse. Eine Frau spricht ihn an und meint, dass er hier bestimmt falsch sei. Er zeigt ihr sein 1. Klasse Ticket. Sie meint, er gehöre trotzdem nicht hierher, dass er bestimmt vom Militär sei. Er meinte daraufhin zur Belustigung der Umstehenden: Ich bin viel zu dick fürs Militär, ich bin einfach nur ein Schwarzer, der Geld hat.

Mein Angst vor Diskriminierung

Als ich meinen Mann Mitte der 90er Jahre geheiratet habe, habe ich das in dem Bewusstsein getan, dass ich eventuell mit meiner Familie das Land verlassen muss, falls es zu massiven ausländerfeindlichen Stimmungen kommen sollte.

Diese Angst habe ich heute nicht mehr. Meine 3 Kinder sind nicht die Einzigen in ihren Schulklassen, denen man ausländische Gene ansieht.

3. Wie offen sollten wir sein?

Offenheit hört sich grundsätzlich gut an: Offene Türen, offene Arme. Wir verbinden viel Positives damit.

Für mich gibt es keine grenzenlose Offenheit.

In Deutschland führen wir gerade wichtige Diskussionen darüber, wie wir mit der Zuwanderung umgehen sollen. Das ist auch gut so.  Jeder Einzelne von uns muss für sich entscheiden wie offen er wo sein will.

Wenn wir über unsere Grenzen gehen werden wir früher oder später unser Gegenüber für diese Grenzüberschreitungen verantwortlich machen und das schafft Konfliktpotential.

Nach meiner Erfahrung ebnet grundsätzlich offen sein ohne sich selber aus den Augen zu verlieren den Weg für wunderbare Begegnungen.

 

So leben wir Offenheit für Fremde in meiner Familie:

Ich habe bisher viele positive Erfahrungen mit meiner Offenheit gemacht. Nicht alle Mitglieder meiner Familie sind damit immer einverstanden, also haben wir einen Konsens erarbeitet. Sind nicht alle dafür fremde Menschen zu uns einzuladen, lassen wir die Finger davon. Diese Vorgehensweise hat sich bewährt. Natürlich schaue ich mir die Menschen genau an, die ich in unser Haus lasse.

  • Im Rahmen des Kirchentages vor ein paar Jahren haben wir so eine Woche lang eine koreanische Familie bei uns beherbergt.
  • Ab und zu lassen wir Flüchtlinge bei uns übernachten, die auf Besuch bei Familie und Freunden aus der Erstaufnahme sind und dort nicht übernachten dürfen.

Für viele von meinen Freunden wäre das undenkbar und das ist auch OK so. Jeder von uns hat seine individuellen Grenzen und auf diese sollten wir auch hören, sonst erschaffen wir nur Probleme.

4. Integration

2015 haben wir fast eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Wir haben das nur geschafft weil viele Deutsche eingesprungen sind und mitgeholfen haben. Mittlerweile werden die Erstaufnahmeeinrichtungen langsam aufgelöst. Die meisten Flüchtlinge besuchen Deutschkurse. Die Intgrationsarbeit fängt aber jetzt erst richtig an.

Wie integrieren wir die Flüchtlinge? Viele Deutsche haben wie ich ihre Berührungsängste überwunden. Ich war am Anfang meiner Lehrertätigkeit unsicher wie traumatisiert meine Gegenüber wohl sind und wie ich darauf reagieren sollte. Mir hat geholfen, gemeinsam mit meinen Mitlehrern einfach loszulegen. Wir haben uns stetig ausgetauscht und sind so immer sicherer geworden.

4.1 Hilfe zur Selbsthilfe

Ich unterstütze gerne Menschen auf ihrem eigenen Weg. In meiner Praxis arbeite ich viel nach dem Motto Hilfe zur Selbsthilfe. Genau so gehe ich auch mit den Flüchtlingen um.

Manche Flüchtlinge zeigen aus den unterschiedlichsten Gründen keinerlei Initiative. Ich überlege dann, inwieweit ich im Einzelfall unterstützen kann und möchte. So habe ich gerade einer Hochschwangeren aus unserer Erstaufnahme einen Kinderwagen über die großartige Hamburger Hilfsorganisation Hanseatic Help bestellt. Die Abholung hat sie dann selber übernommen.

4.2 Integration fördern

Deutsch lernen

Sprache ist für mich der Hauptschlüssel zur Integration, denn unsere Sprache transportiert unsere Kultur. Aus diesem Grund engagiere ich mich seit 2015 als Deutschlehrerin in unserer Erstaufnahme.

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Patenschaften

Die Erstaufnahme schließt Ende des Jahres und ich habe mich deswegen vor kurzem entschieden, eine Patenschaft zu übernehmen. Beim Patenschaftsprogramm der Johanniter, eines der vielen die es in Hamburg gibt, vereinbaren beide Parteien sich für ein halbes Jahr zu treffen. Es wird nicht erwartet, dass ich irgendetwas Besonderes tue. Was mich nach einem Monat am meisten erstaunt ist, dass meine Partnerin mir spiegelt, wie sehr sie mein Interesse schätzt. Das „einfach da sein“ ist anscheinend das Wichtigste an einer Patenschaft.

Für meine Patenrolle habe ich mir eine alleinerziehende Mutter mit Bleiberecht ausgesucht. Sie kommt aus Nigeria und hat eine siebenmonatige Tochter.

Sport

Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit einigen Verantwortlichen Hamburger Sportvereine. Sie alle haben seit 2015 Programme für Flüchtlinge ins Leben gerufen.

Trotz des riesigen Papierkriegs, der nötig ist, um Fördermittel zu erhalten, quetschen sie weitere Fußballmannschaften auf ihre ohnehin schon vollen Übungsplätze. Fast überall gibt es im Moment Wartelisten und das betrifft nicht nur Flüchtlinge.

Da die Politik sich leider viel mehr für PR-trächtige Großereignisse wie den Hamburg-Marathon oder die Cyclassics interessiert, hat der Hamburger Sportbund mit seinem Engagement für den Breitensport oft einen schweren Stand.

In Hamburg wird ein ganzes Viertel neu gebaut , die Speicherstadt, ohne einen einzigen Sportplatz. Das passt nicht zusammen mit dem Konzept der Active City, das momentan überall propagiert wird. Wir brauchen schnell kreative Lösungen mit mehr Sportmöglichkeiten in unseren Städten.

Sport ist ein wunderbarer Integrator, besonders für Jugendliche und Frauen. Die vielen Freiwilligen, die sich für diese Gruppen in unseren Vereinen engagieren, verdienen meiner Meinung nach viel mehr Unterstützung.

Sehr wichtig ist gegenseitiger Respekt

Um es mit der kürzlich verstorbenen Aretha Franklin zu sagen halte ich gegenseitigen Respekt für ein wichtiges Schmiermittel unserer Gesellschaft. Wir scheinen da auf dem richtigen Weg zu sein: Ein seit 2013 in Deutschland lebender Afghane, den ich in Deutsch unterrichte erzählte mir kürzlich, dass er in Deutschland immer mit sehr viel Respekt behandelt wurde. Das war in anderen Ländern nicht so.

 

5. Wir sind untereinander verbunden

Ich merke immer mehr, wie wir mit allem um uns herum verbunden sind. Durch das Internet bekommen wir viel mehr mit: den Klimawandel, Vulkanausbrüche, Kriege und wachsende soziale Ungerechtigkeiten.

Viele Menschen, auch ich, können diese Verbundenheit richtiggehend fühlen. Mir wird z.B. immer wieder deutlich, dass es negative Auswirkungen auf meine Umgebung hat, wenn ich mich selbst schlecht behandele.

Einzeln fühlen wir uns oft machtlos. Doch wir unterschätzen uns. Das, was wir tun, hat einen viel größeren Einfluss als wir glauben. Es ist an uns zu fragen, in was für einer Welt wir leben wollen und anzufangen, diese selbst zu kreieren.

Mir ist es wichtig einen respektvollen, akzeptierenden Umgang in meinem Umfeld zu pflegen. Außerdem liebe ich kreative Problemlösungen. Das lebe ich und ziehe das somit auch an, sowohl live als auch digital. Erst in letzter Zeit wird mir so richtig klar, wie viel von meinen persönlichen Werten ich schon lebe.

 Beyond Borders

Gemeinsam die Herausforderungen meistern

Wir sind den Herausforderungen der Zukunft, sei es durch Flüchtlinge oder den Klimawandel, nur gemeinsam gewachsen. Mir hat die Erfahrung mit den vielen freiwilligen Helfern gezeigt, was für ein riesiges gemeinschaftliches Potential wir in Deutschland haben.

Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie genau wir die Integration hinbekommen sollen. Aber wenn jeder das beiträgt, was er kann, werden wir es hinbekommen. Frei nach Barack Obama: Yes, we can!

 

Über den Verein Beyond Borders

Beyond Borders habe ich letzten Sommer im Rahmen eines Workcamps kennen gelernt. Sie haben in unserem Stadtteil ein Ferienprogramm mit in- und ausländischen Kindern im Grundschulalter auf die Beine gestellt. 10 internationale Studenten haben dabei mitgemacht.

Wie viel Spaß alle Beteiligten hatten, könnt Ihr in diesem Video sehen. Im März 2018 haben sie das Workcamp erfolgreich wiederholt.

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Inzwischen haben die engagierten Studenten einen eingetragenen Verein mit dem Namen Beyond Borders gegründet. Zweck des Vereins ist es, einen nachhaltigen Beitrag zur Überwindung von Grenzen zu leisten, die das gesellschaftliche Miteinander beeinträchtigen. Mit dem Motto: Anpacken funktioniert am besten, wenn man auch nachdenkt. Nachdenken funktioniert am besten, wenn man auch anpackt.

Da ich ihre Arbeit auch in Zukunft aktiv unterstützen möchte, bin ich Fördermitglied geworden. Davon können die Studenten zur Unterstützung ihrer Projekte natürlich noch viel mehr gebrauchen!

Fotos: Privat und Beyond Borders

© Inge Schumacher

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Lass uns Rabeneltern sein

Dieser Artikel gehört zur Blogparade „Und täglich grüßt die Rabenmutter“ von Marianne Rott, der Mama- und Kindflüsterin von Mia Anima. Danke, dass ich Dich bei diesem wichtigen Thema unterstützen darf.

Logo Blogparade Rabenmütter 

Das Wort Rabenmutter beziehe ich ausdrücklich auf beide Elternteile. Die Zeiten, in denen daheim bleibende Mütter allein die Erziehungsaufgaben schulterten sind zum Glück schon lange vorbei. In immer mehr Familien werden die anstehenden Aufgaben so verteilt, wie es am besten passt ohne auf althergebrachte Geschlechterrollen zu achten. Viele Alleinerziehende beiderlei Geschlechts meistern außerdem ihren Alltag mit Kindern ohne Partner.

Ich möchte hiermit allen Eltern Mut machen erstens das zu tun, was sie zufrieden macht und zweitens gut auf sich zu achten. Ich nehme Dich dabei mit auf meine persönliche Reise durch das unendliche Lernpotential des Elterndaseins. Ich habe drei Kinder, die 17, 14 und 8 Jahre alt sind. Ich arbeite als Heilpraktikerin und Life-Coach.

 

Den Ausdruck Rabenmutter gibt es immer noch!

Erstaunlich, dass dieser uralte Ausdruck heute noch verwendet wird. Nach Wikipedia ist das eine deutsche Tiermetapher, die als Schmäh- oder Schimpfwort Eltern herabwürdigt, die ihre Kinder vernachlässigen. Der Begriff wird besonders für berufstätige Menschen verwendet, die sich angeblich ungenügend um ihre Kinder kümmern.

Wie so oft sieht die Realität anders aus: Junge Raben verlassen das Nest zwar aus eigenem Antrieb bevor sie fliegen können, werden aber weiterhin von ihren Eltern beschützt und gefüttert. Rabeneltern vernachlässigen ihre Jungen also keineswegs.

Wann werden wir Rabeneltern genannt oder fühlen uns so?

Meine Erfahrung ist, dass ich dann kritisiert werde, wenn ich unsicher bin. Diese Unsicherheit strahle ich aus und lade damit sozusagen Kritik ein: Die Außenwelt spiegelt meine innere Unsicherheit wider.

In solchen Situationen ruhe ich nicht in mir selbst. Vielleicht war ich müde und kaputt, weil die Nacht schlecht war. Oder ich arbeite eine lange Liste an Aufgaben ausgerechnet dann ab, wenn es mir nicht gut geht. Das hat dann zur Folge, dass alle Beteiligten gestresst sind und ich ein schlechtes Gewissen habe.

Wenn Du mit dem Begriff Rabenmutter oder -vater belegt wirst, dann versuche herauszufinden welchen Anteil Du selbst daran hast. Warst Du unsicher und wenn ja warum? Oder hattest Du das Pech gerade da zu sein als jemand Dampf ablassen wollte? Meine Erfahrung zeigt: Je mehr Du hinter dem stehst was Du tust, desto weniger wirst Du unaufgeforderte externe Kritik hören.

 

A: Mangelnde Zufriedenheit: Warum fällt es uns manchmal so schwer zu uns zu stehen?

Dazu greife ich drei mögliche Ursachen auf:

  • Unsere Rollenvorstellungen
  • Kennen wir uns und unsere Wünsche wirklich?
  • Die Macht der Ausstrahlung

1. Alte Rollenbilder

a. Trenne Dich von unpassenden Idealbildern

Ich hatte früher sehr rigide Idealbilder vom Mutter sein, Ehefrau sein, berufstätig sein, Freundin sein, Tochter sein, etc. Viele davon habe ich im Laufe der Zeit über Bord geworfen: Denn den Idealbildern und Werten zu entsprechen, die ich vielleicht schon das ganze Leben mit mir herum getragen habe und die mir nicht entsprachen verursachte viel unnötigen Druck.

b. Mehr Eigenverantwortlichkeit bedeutet für mich mehr Freiheit

Seit ich diesen unpassenden Idealen den Rücken gekehrt habe, bin ich deutlich lockerer in Bezug auf meine Familie und auch mit mir geworden. Das macht mich im Alltag offener für neue Wege, die ich früher gar nicht gesehen hätte. Mir ist nach und nach bewusst geworden wie sehr ich mich selbst begrenzt habe.

Mit der Zeit habe ich herausgefunden was mir entspricht: Es liegt mir mehrere Standbeine zu haben: Heilpraktikerin mit eigener Praxis zu sein und Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen, 3 Kinder und ein erfülltes Familienleben zu haben und mich auch noch freiwillig in unserer Erstaufnahmeeinrichtung als Deutschlehrerin zu engagieren. Mein persönliches Wellnessprogramm ist Isländisch-Unterricht.

2. Was will ich?

Jeder muss seinen eigenen Weg finden und feststellen was ihn begeistert. Wenn wir uns dessen bewusst sind was uns liegt und was nicht, haben wir es einfacher den Alltag nach unseren Vorlieben zu gestalten und damit stressfreier zu machen.

Meine Erfahrung zeigt: Ist mein Alltag gut auf mich zugeschnitten, dann bin ich in meinem Flow und damit sehr effizient und schaffe mir Freiräume. Das macht mich zufrieden und meine Familie auch.

3. Was macht Dich zufrieden?

Ben 2 Monate
Mein unzufriedener Sohn mit 6 Wochen

Um herauszubekommen was Dich wirklich zufrieden macht, solltest Du Dich gut kennen und regelmäßig mit Dir selber kommunizieren. Dann bekommst Du einfacher heraus, was Du wirklich willst. Hier ein paar Tipps:

a. Was läuft gut?

Hilfreich ist es, ab und zu eine Bestandsaufnahme Deiner jetzigen Situation zu machen. Wie viel von dem was Dich zufrieden macht, hast Du jetzt schon in Deinem Leben? Die Kinder, der Partner, die Wohnung…Für uns ist das alles meist so selbstverständlich, dass wir es nicht genug würdigen.

Ich versuche mir jeden Tag klar zu machen, wie viel von dem was ich liebe ich bereits leben darf und wie viele Menschen, die mir gut tun, um mich sind.

b. Was fehlt Dir momentan?

Auf diese Frage reagieren wir oft automatisch: Mehr Zeit, mehr Geld… dann schauen wir auf unsere Situation und fühlen uns hilflos. Wir brauchen Geld, um ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch zu haben, das stimmt. Wir tauschen unsere Zeit gegen Geld. Wir vergessen aber, dass es für jeden von uns viele verschiedene Möglichkeiten gibt, das zu erreichen. Dafür müssen wir aber raus aus der Opferrolle und unser Leben aktiv in die Hand nehmen.

Es ist wichtig zu hinterfragen warum wir etwas tun und was unsere Motivation dabei ist.

c. Gefühle weisen Dir den Weg

Um herauszufinden, was wirklich zufrieden macht, geben Deine Gefühle Dir wichtige Hinweise. So kannst Du beliebige Teile Deines Alltags unter die Lupe nehmen:

  • Stell Dir vor, etwas nicht mehr oder anders zu tun und achte dabei auf Deine Gefühle.
  • Schau Dir eine Situation in Deiner Arbeit, bei der Kinderbetreuung oder in einer Freundschaft an.

Wenn Du negative Gefühle wahrnimmst, merke Dir wo diese auftauchen und geh diesen nach. Stell Dir Alternativen vor und fühle in sie hinein. Warum fühle ich mich unwohl und was kann ich an der Situation ändern? Besprich das auch mit Freunden oder dem Partner.

Ich habe auf diese Weise schon einige kreative Lösungen für meinen Alltag gefunden.

 

4. Die Macht Deiner Ausstrahlung:

Ben 5 Monate
Eine ganz andere Ausstrahlung als oben!

a. Wenn Du überzeugt von etwas bist, strahlst Du das aus und das hat Folgen

Meine Kinder haben mir die wichtigsten Lektionen zum Thema Ausstrahlung erteilt. Eines wollte weder Brei noch etwas anderes essen, so dass sich das Abstillen hinzog. Nach 15 Monaten konnte und wollte ich nicht mehr. Ich besprach mit meinem Mann, dass das Stillen für mich endgültig vorbei war. Wir scheinen das sehr klar ausgestrahlt zu haben, denn innerhalb von 2 Wochen wollte dieses Kind nicht mehr gestillt werden! Ich war sehr überrascht, hatte ich doch mit viel mehr Problemen gerechnet.

Diese Erkenntnis lässt sich auf viele Lebensbereiche übertragen. Hier ein Beispiel aus meiner Praxis:

b. Der Weglass-Test

Eine Klientin von mir war unglücklich damit, sich als Lehrerin von Zeitvertrag zu Zeitvertrag zu hangeln. Sie fragte mich, was sie tun sollte um einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu bekommen. Ich habe sie gefragt, ob sie wirklich liebt, was sie macht. Um da ganz sicher zu gehen sollte sie sich vor ihre Klasse stellen und sich ausmalen wie es für sie wäre sie nicht mehr zu unterrichten. Dabei sollte sie genau auf ihre Gefühle achten.

Nach diesem Test war sie ganz sicher, dass sie dort weiter unterrichten wollte. Ich riet ihr diese Sicherheit bewusst jeden Tag auszustrahlen: „Ich will hier bleiben“. Neun Monate danach hatte sie ihre Festanstellung.

c. Du hast Priorität

Spätestens wenn Chaos droht, was in Familien nicht zu vermeiden ist, bist Du gezwungen Prioritäten zu setzen.

Ich möchte Dir sehr ans Herz legen, dass Du die oberste Priorität hast. Nicht die Kinder oder der Partner sind das Wichtigste in Deinem Leben sondern Du. Nur Du bist in der Lage Dir selbst die Macht über Dein Leben zu geben.

Wie lebst Du dieses „Ich bin wichtig“ im Alltag? Mit Hilfe Deiner Ausstrahlung! Das klappt leider nur, wenn Du selbst voll davon überzeugt bist, dass Du Priorität hast und das braucht Übung.

 

B. Achte bitte gut auf Dich!

1. Überforderung macht krank

Ich habe sehr lange gebraucht bis ich gelernt habe, dass ich an erster Stelle stehen muss. Auch die Erkenntnis dass ich nur dann genug Kraft habe, um meiner Familie gerecht zu werden hat sich erst langsam durchgesetzt. Wenn ich zu oft über meine Grenzen gehe, werde ich krank. Der Körper verordnet mir dann sozusagen eine Zwangspause. Heute merke ich Überforderungsanzeichen viel früher und nehme Druck raus. Dadurch bin ich viel weniger krank.

Wer dauernd über seine Grenzen geht, landet im Burn-out und kann für niemanden mehr da sein. Das sehe ich oft genug in meiner Praxis.

2. Keine faulen Kompromisse sondern Kooperationen

Ich versuche im Alltag immer weniger Kompromisse zu machen und gehe dafür lieber Kooperationen ein: Bei Kompromissen verlieren beide Seiten, bei Kooperationen gewinnen beide. Das bedeutet keineswegs, dass ich egoistischer geworden bin. Ich bin mir nur bewusster warum ich etwas tue.

Ich engagiere mich immer noch freiwillig und tue viel für andere. Ich weiß aber, dass ich das tue weil es mich zufrieden macht. Ich versuche auch hier auf meine Grenzen zu achten.

Kurze individuelle Auszeiten von Familie und Beruf je nach Bedarf sollten Bestandteil jeden Alltags sein und sind ein gutes Feld um Kooperationen zu üben. Der Papa, der nach dem Fußballspiel locker und voller Energie nach Hause kommt, kann viel mehr Trotzgeheule oder Chaos ertragen als der gestresste. Das gilt natürlich genauso für die Mama, die sich eine kurze Auszeit gegönnt hat.

3. Ein positives Umfeld

Wir Eltern, egal ob berufstätig oder nicht brauchen Unterstützung. Wenn Du Dich in Deinem Alltag umsiehst, wirst Du hoffentlich schon viel Positives in dieser Hinsicht finden:

Die Tagesmütter, Kindergartenerzieher und Lehrer, die mit Dir an einem Strang ziehen und sich mit Dir über die Entwicklung Eurer Kinder freuen. Oder die Freunde, die auch mal kurzfristig für Dich da sind.

4. Unterstützung finden und nutzen

Das Umfeld ist das Sicherheitsnetz das uns im Ernstfall trägt und uns ermöglicht das zu machen wofür wir brennen. Dieses Netz basiert idealerweise auf Kooperationen und nicht auf faulen Kompromissen. Besonders Alleinerziehende brauchen viel Unterstützung. Die Organisation des Netzes verschlingt erst einmal viel Zeit und Energie. Das lohnt sich aber für alle Beteiligten, wie ich aus meinem persönlichen Umfeld weiß.

Die Kinderbetreuung hat sich in den letzten Jahren in Deutschland zum Glück sehr verbessert. In unserer Grundschule gibt es seit einigen Jahren Mittagessen und Hortbetreuung. Mein Jüngster besucht an 3 Tagen in der Woche den Hort. Das genieße ich sehr. Ich würde meine Arbeit auch ohne diese Hortunterstützung schaffen. Das würde aber auf Kosten meiner Energie und meines persönlichen Freiraums gehen. Bin ich deswegen eine Rabenmutter? Gerne!

 

Rabeneltern-Fazit

Wir unterstützen unsere Kinder beim Flügge werden. Unsere Kinder müssen uns dazu nicht dauernd um sich haben. Was sie brauchen ist die Sicherheit, dass wir für sie da sind, wenn sie uns brauchen und dass wir sie ernst nehmen. Das können wir prima auch als aktive berufstätige Eltern. Ich finde sogar, dass unsere Kinder von uns als Vorbildern profitieren.

Wir haben als Eltern aber die Verantwortung auch gut für uns zu sorgen, damit wir für unsere Familien da sein können.

Wir brauchen viel mehr Rabeneltern die ihren Kindern vormachen, wie man ein erfülltes zufriedenes Leben führt. Lasst uns alle Rabeneltern sein!

 

Zur Blogparade:

Den Beitrag meiner Vorgängerin ist hier zu finden: Nicole Bailer. Nach mir schreibt Katja Kohlstedt einen Gastbeitrag auf Mia Anima.

Fotos: privat, Mia Anima

© Inge Schumacher